Nach dem Heiligabend ins Jugendhaus: Wie sich in Herrenberg seit rund drei Jahrzehnten eine Heiligabend-Tradition hält
Wie sich in Herrenberg seit rund drei Jahrzehnten eine Heiligabend-Tradition hält
Der Weihnachtsbaum taucht das Wohnzimmer in warmes Licht, auf dem gedeckten Tisch stehen leere Teller, in der Luft liegt noch der Geruch von geschmolzenem Raclettekäse, die Fenster sind leicht beschlagen, die Bescherung ist vorbei, die Stimmung gut, jemand schaut auf die Uhr – Heiligabend, kurz nach elf.
In Herrenberg ist seit vielen Jahren klar, wie der Abend weitergeht. Man geht ins Juha, ins Jugendhaus. Jacken werden angezogen, Nachrichten geschrieben, obwohl Treffpunkte kaum noch ausgesprochen werden müssen, weil ohnehin alle wissen, wo man sich gleich sieht.
Denn für ein paar Stunden wird das Jugendhaus zu einem Ort, an dem sich Herrenberg selbst begegnet. Dort treffen sich Freunde, Menschen, die zusammen aufgewachsen sind, viele längst weggezogen, heute anderswo lebend, die an diesem Abend zurückkommen. Es wird nicht nur geredet, es wird getanzt, gelacht, getrunken, auf verschiedenen Floors läuft Musik, die Stimmung ist ausgelassen, die Hütte brechend voll. Für viele ist Heiligabend einer der wenigen Momente im Jahr, an dem wirklich alle wieder da sind.
Wann genau diese Tradition begonnen hat, lässt sich heute nicht mehr eindeutig sagen. Sicher ist nur: Es ist Jahrzehnte her. Ungefähr vor 30 Jahren öffnete das Jugendhaus an Heiligabend erstmals gezielt seine Türen, als Angebot für jene, die den Abend nicht mit ihrer Familie verbringen konnten und dennoch nicht allein sein wollten.
Was als niedrigschwelliger Treffpunkt gedacht war, entwickelte sich über die Jahre weiter, sagt Chris, der im Jugendhaus aktiv ist.
Immer mehr Menschen kamen hinzu, Freundeskreise wuchsen, Rückkehrer schlossen sich an. Aus einem offenen Angebot wurde ein fester Termin, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
In diesem Jahr wird der Abend zum zehnten Mal von BaseX organisiert. Einer der Mitbegründer ist Oskar, der das Heiligabend-Sit-In mitträgt und fortführt.
Er spricht von einer Tradition, die ihm selbst viel bedeutet und davon, dass er diesen Abend jedes Jahr aufs Neue liebt. Viele kämen nach dem Familienessen ins Jugendhaus, die Stimmung sei gut, man treffe alte Bekannte und Menschen, die man sonst selten sehe, höre Musik, tanze, komme ins Gespräch. Für ihn sei es ein Abend, an dem man gemeinsam noch einmal glücklich sein könne und das Jahr nicht allein zu Ende gehe.
"Einfach noch einmal zusammenkommen, quatschen, Mucke hören, tanzen und das Jahr abschließen." - Oskar
Natürlich gibt es solche Heiligabendtreffen auch anderswo. In vielen Städten sind Bars voll, Kneipen öffnen länger, bekannte Gesichter tauchen wieder auf. Dass sich dieses Wiedersehen in einer Kleinstadt an einem öffentlichen, kommunalen Ort jedoch bündelt, ist etwas Besonderes.
Und für alle, die das Juha bisher nur vom Vorbeigehen kennen oder an Heiligabend noch nie dort waren, ist genau das vielleicht eine gute Möglichkeit. Nach dem Essen, nach der Bescherung, nach dem gemeinsamen Zusammensein. Noch einmal gemeinsam raus. Ins Jugendhaus.