In der Sonntagsfrage zieht die AfD an der Union vorbei
Eine INSA-Erhebung vom 23. Mai 2026 sieht die AfD bei 29 Prozent und damit erstmals klar vor der Union mit 22 Prozent. Was das bedeutet und was es ausdrücklich nicht bedeutet.
Wenn Umfragen ihre gewohnte Rangordnung verlassen, entsteht ein Moment, der Aufmerksamkeit erzwingt. Ein solcher Moment liegt in der Sonntagsfrage des Instituts INSA vom 23. Mai 2026. Dort kommt die AfD auf 29 Prozent, die Union auf 22 Prozent. Der Abstand von sieben Punkten ist deutlich, und er dreht ein Kräfteverhältnis um, das über Jahrzehnte als gesetzt galt.
Die Sonntagsfrage misst keine tatsächliche Wahl. Sie erfasst, wie die Befragten stimmen würden, fände die Bundestagswahl am kommenden Sonntag statt. Sie ist damit eine Stimmungsmessung, keine Prognose. Einzelne Werte schwanken zwischen den Instituten und von Woche zu Woche, und die üblichen Fehlermargen mahnen zur Vorsicht, wenn zwei Parteien nahe beieinander liegen. Bei einem Vorsprung von sieben Punkten fällt dieser Vorbehalt allerdings kleiner aus als bei einem knappen Gleichstand.
Aussagekräftig wird ein einzelner Wert erst im Zusammenhang. Für sich genommen ist er eine Momentaufnahme eines Instituts an einem Datum. Erst wenn mehrere Erhebungen verschiedener Institute über mehrere Wochen in dieselbe Richtung zeigen, verdichtet sich eine Umfrage zu einem Trend. Genau diese Einordnung sollte man mitlesen, bevor aus einer Zahl eine Gewissheit wird.
Zur Einordnung gehört der historische Massstab. Über die gesamte Geschichte der Bundesrepublik lag die Union in der Sonntagsfrage fast durchgehend vor jeder Kraft rechts von ihr. Dass dieser Platz nun in einer bundesweiten Erhebung an die AfD fällt, geht über ein statistisches Rauschen im Rahmen der Fehlermarge hinaus. Der Wert stellt die gewohnte Ordnung des Parteiensystems in Frage. Ob er Bestand hat, entscheidet sich erst in den kommenden Wochen und in den Erhebungen anderer Institute.
Bemerkenswert bleibt der Befund dennoch. Dass eine in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in einer bundesweiten Erhebung vor der Union liegt, ist eine Zäsur, an der sich die etablierten Parteien werden messen lassen müssen. Die eigentliche Frage richtet sich weniger an die Demoskopie als an die politische Mitte: Womit lässt sich eine Verschiebung dieser Grössenordnung erklären, und worauf antwortet sie.
Quellen
- INSA Sonntagsfrage, Mai 2026 (Parteivergleich AfD und Union, Stand 23.05.2026)