Warum der mittlere Grieche mehr besitzt als der mittlere Deutsche
Der neue Global Wealth Report reiht Deutschland beim Medianvermögen auf den letzten Platz von 30 Ländern. Griechenland, vor 15 Jahren noch Empfänger europäischer Rettungsmilliarden, liegt davor. Der Befund klingt paradox und hat doch eine nüchterne Erklärung.
Zahlen über Reichtum lassen sich auf zwei Arten lesen. Der Durchschnitt addiert alles Vermögen und teilt es durch die Zahl der Erwachsenen. Der Median dagegen sucht die Person genau in der Mitte, die eine Hälfte besitzt mehr, die andere weniger. Für die Frage, wie es dem typischen Bürger geht, ist der Median die ehrlichere Grösse. Und genau hier landet Deutschland im UBS Global Wealth Report 2026 auf dem letzten Platz von 30 untersuchten Ländern.
Das Medianvermögen pro Erwachsenem beträgt in Deutschland 53.485 Dollar. In Griechenland sind es 59.162 Dollar. Das Land, das 2010 mit europäischen Milliarden vor dem Staatsbankrott bewahrt wurde, liegt damit vor der grössten Volkswirtschaft der Eurozone. An der Spitze der Rangliste stehen Luxemburg mit 394.005 Dollar und weitere kleinere, eigentumsstarke Volkswirtschaften.
Drei Gründe für ein scheinbares Paradox
Der erste Grund ist das Wohneigentum. In Griechenland leben rund 69,7 Prozent der Menschen in den eigenen vier Wänden, in Deutschland nur 47,2 Prozent, der niedrigste Wert in der gesamten Europäischen Union. Eine Immobilie zählt im Vermögensvergleich unmittelbar, Miete dagegen baut kein Vermögen auf. Wer wohnt, statt zu besitzen, taucht in dieser Statistik weit unten auf.
Der zweite Grund ist die Verteilung. Im Durchschnitt ist Deutschland ein reiches Land und rangiert auf Platz 14. Im Median fällt es auf Platz 30. Diese Lücke zeigt, wie stark sich das Vermögen bei wenigen an der Spitze bündelt. Der Vermögens-Gini liegt in Deutschland bei etwa 0,75, in Griechenland bei rund 0,58, wobei 0 für vollkommene Gleichheit steht und 1 für maximale Ungleichheit. In Griechenland ist der Besitz gleichmässiger gestreut.
Der dritte Grund ist die Rente. Viele Deutsche sichern ihr Alter über Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung ab statt über Eigentum oder Kapital. Diese Ansprüche sind real und wertvoll, doch der Report zählt sie nicht als Vermögen. Ein grosser Teil der deutschen Altersvorsorge bleibt in dieser Statistik schlicht unsichtbar.
Aus all dem folgt eine wichtige Einschränkung. Der Report misst Vermögen, nicht Kaufkraft, nicht Einkommen und nicht Lebensstandard. Ein niedriger Medianwert bedeutet nicht, dass es den Menschen in Deutschland schlechter geht als in Griechenland. Er bedeutet, dass sich hierzulande weniger privates Vermögen in der Mitte der Gesellschaft ansammelt. Das ist eine politische Frage nach Eigentum, Verteilung und Altersvorsorge, und keine Momentaufnahme des Wohlstands im Alltag.
Quellen
- UBS Global Wealth Report 2026 (Medianvermögen pro Erwachsenem in US-Dollar, Länderranking)
- Eurostat 2024 (Wohneigentumsquote)