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notis.blog · Politik · Europa · 10. Juli 2026

Die Chatkontrolle und die Mehrheit, die nicht zählte

Im Europäischen Parlament stimmten am 9. Juli mehr Abgeordnete gegen die Chatkontrolle als dafür. Angenommen wurde sie trotzdem. Wie das möglich ist, verrät mehr über das Verfahren als über die Sache selbst.

Es gibt Abstimmungen, deren Ergebnis weniger von den Zahlen abhängt als von der Regel, nach der sie gezählt werden. Der 9. Juli 2026 im Europäischen Parlament war so ein Tag. In der namentlichen Abstimmung über die sogenannte Chatkontrolle votierten 314 Abgeordnete dagegen und 276 dafür. Die Gegner hatten also die Mehrheit im Saal. Am Ende galt die Chatkontrolle dennoch als angenommen.

Der Grund liegt im Verfahren. Zur Abstimmung stand die Ablehnung des Vorschlags. Und für diese Ablehnung reichte keine einfache Mehrheit der Anwesenden. Nötig gewesen wäre die absolute Mehrheit aller 719 Abgeordneten, also 361 Stimmen. Die 314 Gegner blieben deutlich darunter. Damit fiel der Vorschlag nicht durch, er galt automatisch als beschlossen.

Die namentliche Abstimmung im Überblick

Balkendiagramm: Von 719 Sitzen im Europäischen Parlament stimmten 314 Abgeordnete gegen die Chatkontrolle, deutlich weniger als die für eine Ablehnung nötigen 361. Erst danach folgen 276 Ja-Stimmen und die übrigen 129 Sitze. 361 nötig für Ablehnung
314 dagegen · 361 nötig
276 dafür
129 weitere Sitze

314 Gegenstimmen blieben deutlich unter den 361 Stimmen, die für eine Ablehnung nötig gewesen wären, deshalb reicht das blaue Segment nicht bis zur gestrichelten Marke. Erst danach folgen die 276 Ja-Stimmen. Beteiligte Fraktionen: Linke, S&D, Grüne, Renew, EVP, EKR, PfE, AfD (ESN), fraktionslos.

Quelle: Europäisches Parlament, Roll-Call vom 09.07.2026.

Die Chatkontrolle verpflichtet Anbieter wie WhatsApp, Signal oder Gmail, private Nachrichten massenhaft nach bekanntem Missbrauchsmaterial zu durchsuchen. Der erklärte Zweck ist der Schutz von Kindern. Der Einwand, den Datenschützer bis hin zum Kinderschutzbund vorbringen, richtet sich gegen den Weg dorthin, das Ziel selbst bleibt unbestritten. Eine anlasslose Durchleuchtung jeder Konversation stellt alle Bürger unter einen Generalverdacht, und ob sie die versprochene Wirkung überhaupt erreicht, ist umstritten.

Bemerkenswert ist der Weg, der zu diesem Ergebnis führte. Noch im März war eine Verlängerung der Regeln im Parlament mit einer einzigen Stimme Mehrheit gescheitert. Danach setzten die Befürworter ein selten genutztes Eilverfahren durch, das genau jene hohe Ablehnungshürde von 361 Stimmen schuf. Am 7. Juli wurde dieses Verfahren mit 331 zu 304 Stimmen genehmigt. Zwei Tage später war die Chatkontrolle beschlossen.

Wer in Deutschland dafür stimmte

Die Lager verliefen quer durch die Fraktionen, aber nicht zufällig. Fast geschlossen dafür votierte die christdemokratische EVP, 158 ihrer 167 Stimmen. Mehrheitlich dafür stimmten die Sozialdemokraten. Dagegen standen Grüne, Linke, die Mehrheit der Liberalen sowie die Fraktionen rechts der EVP. Für die deutschen Abgeordneten lässt sich das namentlich nachvollziehen.

Auf deutscher Seite votierten alle 29 anwesenden Abgeordneten von CDU und CSU dafür, darunter Manfred Weber, David McAllister, Axel Voss und Peter Liese. Hinzu kamen sechs Stimmen aus der SPD, namentlich Tobias Cremer, Matthias Ecke, Bernd Lange, Maria Noichl, René Repasi und Sabrina Repp. Die SPD-Abgeordnete Delara Burkhardt enthielt sich.

Diese deutschen Abgeordneten stimmten dafür

CDU/CSU 29 von 29 anwesenden Stimmen dafür
  • Hildegard BenteleHildegard Bentele
  • Stefan BergerStefan Berger
  • Christian DoleschalChristian Doleschal
  • Lena DüpontLena Düpont
  • Christian EhlerChristian Ehler
  • Markus FerberMarkus Ferber
  • Michael GahlerMichael Gahler
  • Niels GeukingNiels Geuking
  • Jens GiesekeJens Gieseke
  • Niclas HerbstNiclas Herbst
  • Norbert HerhammerNorbert Herhammer
  • Monika HohlmeierMonika Hohlmeier
  • Stefan KöhlerStefan Köhler
  • Marie-Sophie LanigMarie-Sophie Lanig
  • Peter LiesePeter Liese
  • Norbert LinsNorbert Lins
  • David McAllisterDavid McAllister
  • Alexandra MehnertAlexandra Mehnert
  • Verena MertensVerena Mertens
  • Angelika NieblerAngelika Niebler
  • Dennis RadtkeDennis Radtke
  • Oliver SchenkOliver Schenk
  • Andreas SchwabAndreas Schwab
  • Sven SimonSven Simon
  • Sabine VerheyenSabine Verheyen
  • Axel VossAxel Voss
  • Marion WalsmannMarion Walsmann
  • Manfred WeberManfred Weber
  • Andrea WechslerAndrea Wechsler
SPD 6 Stimmen dafür
  • Tobias CremerTobias Cremer
  • Matthias EckeMatthias Ecke
  • Bernd LangeBernd Lange
  • Maria NoichlMaria Noichl
  • René RepasiRené Repasi
  • Sabrina ReppSabrina Repp
Enthalten ebenfalls SPD
  • Delara BurkhardtDelara Burkhardt

54 deutsche Abgeordnete stimmten gegen die Chatkontrolle, 6 fehlten. Formal lief die Abstimmung über die Ablehnung des Vorschlags: Wer dort mit Nein stimmte, stimmte für die Chatkontrolle.

Fotos: © Europäische Union 2019–2026 · Quelle: Europäisches Parlament, Roll-Call 09.07.2026.

Wer dieses Ergebnis liest, sollte die Zählweise mitdenken: Wer gegen die Ablehnung stimmte, stimmte für die Chatkontrolle.

Der Verlust an Freiheit kündigt sich selten mit einem lauten Beschluss an. Er entsteht in Verfahrensregeln, in Eilbeschlüssen, in Abstimmungen, bei denen eine Mehrheit dagegen am Ende nicht mehr genügt. Eine Infrastruktur, die jede private Nachricht durchleuchten kann, verschwindet nicht wieder, wenn sie erst einmal existiert. Sie steht künftig jeder Regierung zur Verfügung. Das ist der eigentliche Grund, den 9. Juli genau zu betrachten.

Quellen

Anastasios Petridis
Anastasios Petridis
Student für PR und Kommunikation