83 Prozent unzufrieden: Merz an seinen eigenen Massstäben
Im Januar 2024 warf Friedrich Merz dem amtierenden Kanzler vor, mit niedrigen Zustimmungswerten die Bevölkerung im Stich zu lassen. Zwei Jahre später fällt seine eigene Bilanz tiefer aus als die jedes Kanzlers zuvor.
Sätze in der Opposition haben eine Eigenschaft, die ihre Urheber selten mitdenken: Sie bleiben abrufbar. Am 15. Januar 2024 kommentierte Friedrich Merz auf der Plattform X die schwachen Umfragewerte des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz. Der Beitrag wurde mehr als 900.000 Mal aufgerufen und liest sich heute wie eine Vorlage, die man ihm nur vorzuhalten braucht.
Wenn ein Bundeskanzler mit einer so niedrigen Zustimmungsrate keinerlei Anzeichen gibt, an seiner Kommunikation, seiner Politik, seinem Führungsstil etwas zu ändern, dann lässt er die Bevölkerung allein mit allen Problemen. Das ist einfach respektlos.
Im April 2026 ist Merz selbst Bundeskanzler, und die Werte, die nun ihm gelten, fallen deutlicher aus als alle, die er einst kritisierte. Nach dem Forsa Trendbarometer sind 83 Prozent der Befragten mit seiner Arbeit unzufrieden. So niedrige Zustimmung hat in der Bundesrepublik noch kein Kanzler auf sich vereint.
Die Erhebung stammt aus dem Zeitraum vom 21. bis 27. April 2026, befragt wurden 2.503 Menschen im Auftrag von RTL und ntv. Das Forsa Trendbarometer erhebt solche Zufriedenheitswerte regelmässig, was einen Vergleich über die Amtszeiten hinweg erlaubt. Eine einzelne Umfrage ist eine Momentaufnahme und keine Prognose. Doch der Wert steht nicht für sich allein, er markiert innerhalb der Reihe der Nachkriegskanzler einen Tiefpunkt.
Aufschlussreich ist auch der Kontext des alten Beitrags. Merz veröffentlichte ihn am 15. Januar 2024 um 12.47 Uhr als Kommentar zu einer Meldung über die damals schwachen Werte von Olaf Scholz. Was 2024 als scharfe Oppositionskritik gedacht war, richtet sich heute mit umgekehrtem Vorzeichen gegen den Verfasser, denn die Zahl, die nun ihm gilt, liegt noch unter jener, die er dem Vorgänger vorhielt.
Das eigentlich Aufschlussreiche liegt weniger in der Zahl als im Massstab, den Merz selbst gesetzt hat. Wer niedrige Zustimmung zum Vorwurf erhebt und daraus eine Frage von Respekt gegenüber den Bürgern macht, muss sich an derselben Elle messen lassen, sobald er das Amt innehat. Die 83 Prozent sind zunächst eine Stimmung. Zum politischen Problem werden sie durch die Worte, mit denen der heutige Kanzler einst über die Schwäche seines Vorgängers urteilte.
Quellen
- Forsa Trendbarometer, 21. bis 27. April 2026, 2.503 Befragte, im Auftrag von RTL/ntv
- X-Post von Friedrich Merz (@_FriedrichMerz), 15.01.2024